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Mythbuster: Die 55-38-7 Regel nach Mehrabian
Wer sich für Kommunikation interessiert, ist sicher schon auf die Mehrabian-Regel gestossen: 55% der Wirkung einer Kommunikation passiert aufgrund von nonverbalen Faktoren, 38% aufgrund der Stimme und Tonalität und nur 7% der Wirkung wird durch den Inhalt bestimmt.
Zitiert wird dabei immer Professor Albert Mehrabian, der diesen Zusammenhang offenbar wissenschaftlich bewiesen hat - in einer Forschungsreihe im Jahre 1971 an der Universität von Kalifornien in den USA.
Seitdem wird diese Erkenntnis nun von Kommunikationstrainern, Stimmtraininern, Stylisten, NLP-Profis and Hobby-Kommunikations-Interessierten genauso weitergegeben. Allein in den letzten zwei Monaten habe ich fünf Vorträge gehört, in denen diese ‘Regel’ zitiert wurde.
Offenbar macht sich kaum jemand Gedanken darüber, dass diese Regel doch ganz offensichtlich so nicht stimmen kann. Wenn 93% der Wirksamkeit nicht vom Inhalt bestimmt wird, warum geben wir uns dann so viel Mühe damit? Warum legen wir Wert auf gute Formulierungen, auf geschickte Rhetorik, auf klare Sprache, auf einfache Zusammenhänge? Sind Kommunikationsexperten wirklich so dumm, dass sie sich so intensiv mit Faktoren der Kommunikation auseinander setzen, die bewiesenermassen so gut wie unwichtig sind und nur 7% der Wirkung ausmachen?
Von dieser Frage motiviert, habe ich mich vor 3 Jahren entschlossen, dem auf den Grund zu gehen: Stimmt die Mehrabian-Regel wirklich?
Ergebnis der Recherche: Es gibt diese Studie nicht.
Vielleicht sollte ich das noch einmal wiederholen: Professor Mehrabian selbst sagt, dass es keine Studie gibt, die diesen nach ihm benannten Zusammenhang wissenschaftlich beweist.
Was es gibt, sind zwei Studien von Albert Mehrabian, die den ‘like-ness factor’ von Inhalt und Stimme und von Stimme zum optischen Eindruck untersuchen sollten.
Dabei wurde in der ersten Studie untersucht, ob ein positiv oder negativ besetztes Wort wie ‘schrecklich’ stärker durch seine Bedeutung wirkt oder durch die Aussprache.
In der zweiten Studie wurde untersucht, ob die Wirkung eines vom Tonband gespielten Wortes oder die eines Photos von einer Person mit positivem oder negativem Gesichtsausdruck stärker wirkt.
Diese Ergebnisse wurden dann addiert und die 55-38-7 Regel daraus gebildet.
Das bedeutet:
- Zwei getrennt durchgeführte Studien wurden miteinander kombiniert. Das ist natürlich nicht erlaubt, denn die Faktoren der ersten Studie würden voraussichtlich die Ergebnisse der zweiten Studie beeinflussen. Mehrabian selbst sagt, dass es wahrscheinlich nicht möglich ist, die Ergebnisse dieser Studien miteinander zu kombinieren und zu obiger Regel zusammen zu führen. Warum er es trotzdem getan hat, sagt er hingegen nicht.
- Diese Studien wurden nicht anhand von realen Kommunikationsstituationen durchgeführt, sonden mit Photos, Tonbandaufnahmen und geschriebenen Texten. Dass damit zwischenmenschliche Kommunikation simuliert werden kann, ist nicht nur zweifelhaft, sondern vielmehr grober Unfug.
- Die Bilder waren Schwarz-Weiss Portraits, auf denen nur Gesichter abgebildet waren. Körpersprache - abgesehen von statischer Mimik auf den Photos - kommt in beiden Studien daher überhaupt nicht vor. Trotzdem wird diesem Punkt in der Interpretation der Ergebnisse die größte Gewichtung zugeschrieben.
- Die abgefragten Ergebnisse wurden nur in Stimmungen von ‘positiv’ und ‘negativ’ bewertet. Versuchen Sie selbst, Kommunikationssituationen allein mit diesen beiden Begriffen ausreichend zu beurteilen. Hier stand offenbar die Einfachheit in der Auswertung gegenüber der Qualität des Ergebnisses im Vordergrund.
- Alle Studienteilnehmer waren Frauen. Kein einziger Mann war dabei. Auf die Interpretationsmöglichkeiten dieses Umstandes gehe ich besser nicht weiter ein.
Wenn Sie das nächste Mal die Mehrabian - ‘Regel’ hören, wissen Sie Bescheid.
Bild von Jannie-Jan (CC)
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